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Magazin Geschichte der Sexualität Geschichte des Rauchens
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. Nicht nur Physiker halten die Physik für die wichtigste Wissenschaft der Neuzeit. Tatsächlich ist ihre Bedeutung für die technologische Entwicklung unbestreitbar. Je mehr sie sich freilich auf die Grundlagenforschung konzentriert, desto irrelevanter droht sie zu werden. Ihr Versuch, die Welt zu erklären, verkommt immer mehr zur Erbsenzählerei, wobei die Physiker vor lauter Erbsen den Garten nicht mehr sehen und sich beim höchst kompliziert gewordenen Zählen in Zahlenspielereien verlieren. Dabei ist es kein Zufall, dass die Physik beim Jonglieren mit Potenzen selbst an Potenz verliert, krankt sie doch an den Folgen der Sexualität. Um dies verstehen zu können, müssen wir uns allerdings zuvor ein wenig mit der Geschichte der Naturwissenschaften beschäftigen, auch wenn dies ein frustrierendes Unterfangen ist, beraubt es uns doch der Illusion, wenigstens in den Naturdisziplinen hätten wir es mit verlässlichen, vernünftigen und daher berechenbaren Bedingungen zu tun.
Was hat die Menschheit nicht alles geglaubt zu wissen: Die Erde, versicherten uns die Astronomen, steht im Mittelpunkt des Universums; nichts kann kleiner sein als ein Atom, erklärten uns die Physiker; unzählig sind die Irrlehren der Mediziner wie jene von den tödlichen Folgen der Masturbation oder der noch im 20. Jahrhundert praktizierten Hirnoperation zur Heilung der „Krankheit“ Homosexualität; noch die bedeutendsten Denker der Neuzeit wussten, dass Mensch und Tier nichts gemein haben. Als der schwedische Naturforscher Linné 1735 seine Klassifizierung der Lebewesen erarbeitete, umfasste sie für ihn und seine Nachfolger ganz selbstverständlich alle Pflanzen und Tiere des Schöpfungstages, den der große Newton ins Jahr 4004 v. Chr. datiert hatte. Und immerhin 360 Jahre ist es her, dass Descartes verkündete, es werde nur mehr zwei Generationen brauchen, um der Natur das letzte Geheimnis zu entreißen. Noch vor wenigen Jahren wäre jeder Student der Biologie durch das Examen geflogen, hätte er behauptet, dass Bakterien in bis zu 300° C heißem Wasser und Blaualgen bei –60° C leben können.
Zumeist banale, manchmal nur mehr lächerlich wirkende Irrtümer mussten wieder und wieder revidiert werden und galten doch bis zu jeder Revision (und meist noch darüber hinaus) als unumstößliche Wahrheiten. Allein die „göttliche“ Mathematik schien ein Fels im Strudel menschlicher Irrtümer, bis mit Goedel auch die Gewissheit in der Mathematik verloren ging.
Mühsam war der Weg zur Erkenntnis und undankbar. Denn jeder Schritt machte uns Menschen gewöhnlicher, kleiner, unbedeutender. Resigniert akzeptieren wir inzwischen sogar die Vorstellung, irgendwo im Universum könnten Lebewesen existieren, die auf einer höheren Entwicklungsstufe stehen als wir.
Aber trotz dieses offensichtlichen Bankrotts menschlichen Wahns, das Maß aller Dinge zu sein, haben wir auch aus der Geschichte der Naturwissenschaften nichts gelernt. Gewiss können nur mehr wenige von uns an eine göttliche Schöpfung glauben, doch deren Profanierung zum Urknall ist auch nur Aberglaube. Und die Lichtgeschwindigkeit, um 1675 erstmals gedacht, 1849 erstmals gemessen, gilt seit Einstein als Grenzgeschwindigkeit. Allein Narren halten seitdem größere Ausbreitungsgeschwindigkeiten physikalischer Wirkungen für möglich, obwohl einer von ihnen, Mr. Wang, sie bereits gemessen haben will. Während wir also über die Irrtümer unserer Vorfahren schmunzeln, entgeht uns der größte Witz: Auch wir halten unsere Erkenntnisse für endgültig.
Allerdings ist dieser Glaube, obwohl er sich bisher fast immer als falsch erwiesen hat, eine notwendige Voraussetzung unserer wissenschaftlichen Arbeit. Denn nur von einer vermeintlich gesicherten Basis aus lässt sich aufbauen, forschen, differenzieren. Freilich hilft uns alles Forschen nicht viel weiter, wenn die grundlegenden Elemente der Basis, unsere Maßvorstellungen, falsch sind.
Dabei geht es nicht um willkürlich gesetzte Maßstäbe oder Maßeinheiten. Hätten z. B. Menschen schon sehr viel früher den absoluten Nullpunkt (auch so ein „endgültiger“ Grenzwert) entdeckt, würde Wasser bei 273,16° C frieren, und nichts außer den Ziffern hätte sich damit geändert. Nur die Tatsache, dass sämtliche Maße menschlichen Erfahrungen und Eigenschaften entsprechen, macht das Rechnen mit ihnen ein wenig schwierig. Ein Fuß oder ein Unterarm oder der 40millionste Teil eines Erdmeridians (seit 1927 das 1553164,13fache der Wellenlänge des Lichtes der roten Cadmiumlinie in trockener Luft, seit 1960 das 1650763,73fache der Vakuumwellenlänge des orangefarbenen Lichts, das von Atomen des Krypton-Isotops Kr86 beim Übergang vom 5d5-Zustand in den 2p10-Zustand ausgesendet wird; seit 1983 die Strecke, die das Licht im Vakuum in 1/299792485 s zurücklegt) sind nicht das ideale Maß für kosmische oder atomare Entfernungen. Die Dauer eines Tages eignet sich vielleicht zur Strukturierung  menschlichen Lebens. Aber als das Leben entstand, dauerte ein Tag höchstens 18 Stunden, und da die Geschwindigkeit der Erdumdrehung weiter abnimmt, werden unsere Tage immer länger. Und völlig unbrauchbar sind Tage oder ihre Unterteilungen für die Messung atomarer Zerfallsprozesse oder der Altersbestimmung ferner Galaxien. Trotzdem wäre es nur bedingt sinnvoll, das Jahr künftig nicht durch die Umlaufdauer der Erde um die Sonne, sondern durch die Umlaufdauer unseres Planetensystems um den Mittelpunkt der Milchstraße (je nach Quelle 220 – 230 Millionen Jahre) zu definieren. Die Vorkommastellen, die wir uns dadurch im kosmischen Messen sparen könnten, kämen als Nachkommastellen im atomaren Messen hinzu.
Nicht das Maß, sondern sein menschlicher Ursprung ist bedenkenswert. Wir haben über die uns vertraute Materie ein Raster gelegt, dessen Maßstab der Mensch, seine Größe, sein Zeitempfinden ist. Die dabei ablesbaren Zeigerstände sollen über den Umweg Quantität Qualitäten erfahrbar, erkennbar machen, ein hoffnungsloses Unterfangen. Aber sogar ein bedeutender Physiker wie Richard P. Feynman verfiel ins menscheln, wenn er eine Natur bewunderte, „die sich an ein solch elegantes und einfaches Gesetz wie die Schwerkraft halten kann“, und die Natur „klug“ nannte, weil sie ein von Menschen entdecktes Gesetz befolgt. Feyman tat gerade so, als ob das Gravitationsgesetz vor dem Entstehen der Materie gegolten hätte und nicht eine Konsequenz dieser Materie ist. An anderer Stelle konzedierte Feynman, dass einige physikalische Phänomene z. B. in der Quantenmechanik nur durch eine willkürliche Kombination von Naturgesetzen erklärt werden können. Doch sah er darin kein Manko, Im Gegenteil: „Diese Vielfalt der Interpretationsmöglichkeiten gehört zu den erstaunlichen Eigenschaften der Natur.“ Auch Nobelpreisträger können entsetzlich naiv sein. Wenn ich jemandem, der mich gar nicht kennt, eine Ohrfeige gebe, hat er gewiss eine Vielzahl von Interpretationsmöglichkeiten meines Verhaltens. Doch die Vielfalt liegt nicht in mir, ist keine Eigenschaft von mir, sondern nur eine Folge mangelhaften Wissens des Geohrfeigten über meine Person.
Menschlich ist auch das Motiv der Vermessung: Es entspringt unserem Drang, ja Zwang zur Ordnung. Um verstehen zu können, müssen wir ordnen, wobei wir ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass das zu Ordnende selbst ordentlich ist. Nichts verabscheuen wir so sehr wie Chaos und Zufall, weil sie uns zu dem machen, was wir nun einmal nicht sein wollen: ohnmächtig. Doch sehr zu unserem Verdruss scheint die Natur unordentlich zu sein. Wenn wir dunkelblaues und klares Wasser noch so vorsichtig in einen Behälter geben, vermischen sich die Substanzen zu hellblauem Wasser. Auf das Gegenteil, die ordentliche Trennung hellblauen Wassers in dunkelblaue und weißliche Moleküle, warten wir Menschen bei der Natur vergeblich.
Um die uns immer noch unfassbare Komplexität der Natur verstehen zu können, arbeiten wir mit vereinfachten Modellen. Glauben wir, endlich ein Modell gefunden zu haben, das sowohl unserem Vorstellungsvermögen, unseren Vorlieben sowie halbwegs den von uns gemessenen Tatsachen entspricht, entwickeln wir lieber bewundernswert komplizierte Modifikationen, als das Modell selbst in Frage zu stellen. Häufig können wir Letzteres allein schon aus ideologischer Verblendung nicht.
Die Geschichte der Astronomie ist nur eines von zahlreichen möglichen Beispielen:
Bereits 1800 Jahre vor Kopernikus hatte Aristarchos erkannt, dass nicht die Erde, sondern die Sonne das Zentrum unseres Planetensystems bildet. Obwohl Aristarchos kein Spinner, sondern ein damals bedeutender, von Archimedes und Plutarch zitierter Astronom war, ging sein Werk verloren, geriet der Autor in Vergessenheit. Zu ungeheuerlich war seine Kränkung des menschlichen Größenwahns, der nur in der Erde den Mittelpunkt des Universums sehen konnte. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Zum Größenwahn gesellte sich die Ästhetik. Platon legte fest, dass Himmelskörper sich nur in vollkommenen Kreisen um die Erde bewegen können. Da dieser Anspruch nicht so recht mit der Beobachtung der Himmelskörper übereinstimmte – manchmal scheint sich ein Planet sogar rückwärts zu bewegen – musste ein System von Kristallsphären erfunden werden, das von einem unsichtbaren Räderwerk bewegt wurde. Immer kompliziertere Modelle entstanden, bis schließlich Ptolemäus im 2. Jh. n. Chr. das Problem beinahe endgültig (immerhin für 14 Jahrhunderte) löste: Mit 39 ineinandergreifenden Rädern ließ sich die kreisförmige Bewegung der Sonne und der fünf damals bekannten Planeten um die Erde darstellen. Das System funktionierte sogar, mit ihm konnten Finsternisse und Konjunktionen mit verblüffender Genauigkeit vorhergesagt werden. Vor allem aber genügte es den Ansprüchen der Menschen an eine geordnete, harmonische Schöpfung.
Auch Kopernikus wäre wohl nie in Versuchung gekommen, die Sonne in das Zentrum unseres Planetensystems zu verlegen, wäre das Ptolemäische-39-Räder- System, wie sich durch verbesserte Messmethoden feststellen ließ, nicht mit einem schrecklichen Mangel behaftet gewesen: In ihm drehten sich die Planeten zwar in Kreisen, aber nicht mit gleichförmiger Geschwindigkeit. Nur um auch diesem ästhetischen, also ideologischen Anspruch gerecht zu werden, probierte es Kopernikus mit der Sonne im Mittelpunkt. Damit waren zwar die Geschwindigkeiten gleichförmig, doch die Planetenbahnen wurden äußerst unschön verzerrt. Statt aber den Harmonieanspruch in Frage zu stellen, was ihm schlicht undenkbar war, verlegte Kopernikus den Mittelpunkt unseres Planetensystems in einen imaginären Punkt ungefähr 5 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt und verkündete stolz, sein Modell käme mit nur 34 Rädern aus. Arthur Koestler („Die Nachtwandler“) hat sich die Mühe gemacht, das „Buch der Umdrehungen der himmlischen Sphären“ zu lesen und nachzurechnen: Kopernikus brauchte 48 Räder, 9 mehr als Ptolemäus.
Das Beispiel verdeutlicht: Wenn die Voraussetzungen (Beobachtung, Perspektive, Ideologie) falsch sind, erfordert es immer komplizierterer Ergänzungen, um die Annahme mit der Wirklichkeit in Übereinstimmung zu halten. Unregelmäßigkeiten im Verhalten der jeweils kleinstmöglichen Bestandteile zwingen die Physiker, immer noch kleinere Teilchen zu ersinnen, die sich meist auch mittels verfeinerter Messvorrichtungen tatsächlich nachweisen lassen. Schon 1925 warnte der Mathematiker und Philosoph Whitehead vergeblich: „Die physikalische Lehre vom Atom ist in ein Stadium getreten, das stark an die Epizykel (=Räder, K.P.) der Astronomie vor Kopernikus erinnert.“
Eigenartig menschenverhaftet wie einst die Epizykel muten heute Zahlenreihen aus der Physik an:
6.6260755e-34 J s; 1.380658e-23 J/K; 1.60217733e-19 C; 6.0221367e23 particles/mol; 2.99792458e8 m/s; 1/137.0359895; 9.1093897e-31 kg;1.6726231e-27 kg; 1.6749286e-27 kg; 9.2740154e-24 J/T; 5.0507866e-27 J/T; 2.002319304386; -9.2847701e-24 J/T; 1.75880e11 C/kg; 1.66057e-27 kg.
Jede dieser Zahlen ist unvorstellbar, wahrscheinlich auch ungenau (erinnern wir uns nur an die drei Umdefinitionen des Meters in den letzten 75 Jahren), wird aber als „Naturkonstante“ gelehrt. Mich erinnern solche Naturkonstanten an Pi, jene Ludoffsche Zahl, die das Verhältnis des Umfangs eines Kreises zu seinem Durchmesser angibt und deren Nachkommastellen bislang auch von den leistungsfähigsten Großcomputern nicht abschließend ausgerechnet werden können. Wenn wir aber nicht in der Lage sind, den Umfang und die Fläche eines Kreises exakt zu berechnen, stimmt entweder unsere geometrische Vorstellung des Kreises nicht, oder unser Messsystem ist falsch oder unsere Mathematik taugt nichts, was die fatalsten Folgen hätte, da Galilei, nicht weniger dogmatisch als Platon, als Grundlage moderner Naturwissenschaft festgelegt hat: „Das Buch der Natur ist in der Sprache der Mathematik geschrieben.“
Auch diese Behauptung wird sich noch als vermessen erweisen, zeigt sich diese Sprache doch mehr und mehr als unzulänglich. Feynman: „Jedes unserer Naturgesetze ist eine rein mathematische Aussage einer ziemlich komplexen, abstrusen Mathematik.... Je weiter wir vorankommen, desto abstruser und schwieriger geht es zu. Warum? Ich habe keine blasse Ahnung.“
Könnte das Problem darin liegen, dass auch die Menschheitserfindung Mathematik vom menschlichen Endlichkeitsdenken bestimmt wird? Und wichtiger noch: Natureigenschaften existieren „natürlich“ auch ohne Mathematik. Sie ist nur ein Versuch ihrer Beschreibung. Doch die vollkommenste Sprache hilft einem Einäugigen nicht beim Erkennen von Entfernungen.
Solange die Welt noch überschaubar war für die menschlichen Sinne, kamen wir mit addierten und subtrahierten Einheiten aus. Das uns vertraute Zehnersystem wurde im 3. Jh. v. Chr. in Indien erfunden und rund 1000 Jahre später durch arabische Händler nach Europa gebracht. (Unsere Ziffern sind also nicht arabisch, sondern indisch, aber irren ist bekanntlich menschlich.) Inder waren es auch, die vor ca. 1500 Jahren die Leere, die mathematische Null, zunächst durch einen Punkt, später durch einen kleinen Kreis markierten. 628 n. Chr. vollendete der indische Astronom Brahmagupta unser derzeitiges Zahlensystem durch die Einführung negativer Zahlen und durch die Anhebung des Platzhalters „Leere“ zur Zahl „Null“. Über die Konsequenz war sich Brahmagupta sehr wohl bewusst: „Dividiert man irgendeine Zahl durch das Nichts, wird Unendlichkeit.“
Obwohl sich Leonardo Fibonacci im 13. Jh. redlich bemühte,  die europäische Mathematik auf indisches Niveau zu heben, setzte sich bei uns das Rechnen mit „arabischen“ Ziffern erst mit der Französischen Revolution durch. Allein die Null blieb suspekt. Dass eine beliebige Zahl mit Null multipliziert Null ergibt, war uns europäischen Endlichkeitsdenkern noch einsichtig, denn die Null ist ein anschaulicher Anfangs- oder Endpunkt. Eine Division durch Null dagegen führt zur uns undenkbaren Unendlichkeit und wurde daher in der Mathematik schlicht verboten. Auch Feynman bekannte, im Grunde keine Ahnung zu haben, „welche Annahme uns die Schwierigkeiten mit der Unendlichkeit einbrockt“, aber war bereit, „die Unendlichkeit mit einem etwas plumpen Kunstgriff unter den Teppich zu kehren, so dass wir fürs erste wenigstens weiterrechnen können“. Die Willkürlichkeit dieses Teilverbotes der Null sollte auch Nichtmathematikern die menschliche Beschränktheit der Mathematik erkennbar machen. Wem dieser Hinweis nicht genügt, der muss sich ein wenig mehr anstrengen und doch noch Goedel studieren.
Wir wollen uns mit der Kritik der Maße begnügen und nehmen die Zeit als letztes Beispiel: 
Seit Sie mit der Lektüre dieses Textes begonnen haben, sind vielleicht zehn Minuten vergangen, das heißt nach der zur Zeit gültigen Definition des Gregorianischen Jahres mit 365,2425 Sonnentagen, dass die Erde in dieser Zeit den 52594,92sten Teil einer Sonnenumrundung zurückgelegt hat. Exakter wäre es, würden wir der Berechnung das tropische Jahr mit seinen 365,242191 Tagen zu Grunde legen, aber da diese Zahlen abgesehen von Ihnen niemanden interessieren, können wir es bei Näherungswerten belassen. Natürlich ist es auch Ihnen völlig gleichgültig, welchen Weg die Erde in der Zwischenzeit zurückgelegt hat, Sie merken ja nicht einmal, dass Sie sich mit etwa 108000 Stundenkilometern um die Sonne und noch dazu mit ca. 1670 Stundenkilometern um den Erdmittelpunkt bewegen – übrigens nicht, wie Sie vielleicht glauben, sitzend, sondern hängend, klebend. Schon unsere Wahrnehmung ist also  nur relativ, weil uns die integrative Natur unserer Sinnesorgane daran hindert, die unaufhörliche Bewegung wahrzunehmen, die der physikalischen Welt im Kosmos wie im Atom eigen ist.
In Wahrheit interessiert Sie nicht einmal die Lesedauer, sondern allein deren Verhältnis zu Ihrer von Ihnen erwarteten Lebenszeit. Der Mensch hat die Zeit erfunden, um sich sein endliches Leben einteilen zu können. Wann wir schlafen, essen, sähen und ernten müssen, wüssten wir auch ohne Zeit. Erst unsere Sozialisierung benötigte Zeit als Ordnungsinstrument.
Gibt es überhaupt die Zeit ohne uns Menschen? Bis Newton stellte sich diese Frage nicht, da die Dimension der Zeit der des Menschen entsprach. Die Zeiträume waren überschaubar im Großen – die Schöpfung lag höchstens ein paar Jahrtausende zurück – wie im Kleinen: Sonnen-, Wasser-, Sand- und Turmuhren zeigten nicht Sekunden, nicht einmal Minuten an, denn niemand brauchte so kleine Zeiteinheiten. Erst um 1345 kamen Menschen auf die Idee, analog zum babylonischen Sechzigersystem aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. die Stunde in 60 Minuten und die Minute in 60 Sekunden zu unterteilen. Noch einmal 320 Jahre dauerte es, bis durch die Erfindung des Hakenganges ein Sekundenschlag möglich war. Zwar wurden bald danach sündhaft teure Bodenstanduhren mit Sekundenzeiger gebaut, aber ein Sekundenzeiger damals war so überflüssig wie heute ein Geländewagen für Städter.
Bis Newton wurde Zeit als Dauer empfunden, als Aufeinanderfolge von Ereignissen im menschlichen Maßstab. Newton, geboren am 4.1.1643, was nach damaliger Zählung der 25.12.1642 war, entsubjektivierte die Zeit, indem er festlegte: „...die absolute, wahre und mathematische Zeit verfließt an sich und vermöge ihrer Natur gleichförmig, und ohne Beziehung auf irgendeinen äußeren Gegenstand.“ Dem widersprach noch Kant: „Die Zeit ist nicht etwas Objektives und Reales, weder eine Substanz, noch eine Akzidenz, noch eine Relation, sondern eine subjektive, durch die Natur des Geistes notwendige Bedingung, beliebige Sinnendinge nach einem bestimmten Gesetze miteinander zusammenzuordnen, und eine reine Anschauung...“ Die Physiker beeindruckte Kants Einwand wenig, bestand doch ihre Modernität gerade darin, von jeglicher Philosophie befreit sich dem Vermessen und Experimentieren widmen zu dürfen. Allerdings stellte sich dabei heraus, dass es in kleinsten Dimensionen keinen stetigen Zeitablauf gibt, dass also auch die Zeit relativ ist und bei bestimmten Klassen von Ereignispaaren grundsätzlich nicht unterschieden werden kann, welches Ereignis früher eintritt, weil ein Vorher und Nachher nur in geschlossenen, also vom Menschen erdachten Systemen gilt. Feynman ahnte wohl gar nicht, wie brisant sein Beispiel für die Standortbezogenheit von Maßen ist: Die Lichtgeschwindigkeit beträgt bekanntlich 229 792,5 Kilometer pro Sekunde. Wenn ich einem Raumschiff, das sich mit 100 000 Kilometern pro Sekunde von mir entfernt, einen Lichtstrahl hinterher jage, könnte ich meinen, dass ein Raumfährenpassagier diesen Lichtstrahl mit 129 792,5 Kilometern pro Sekunde an sich vorbeiflitzen sehen müsste. Doch die Annahme ist falsch. Wenn im Raumschiff, das sich mit einer Geschwindigkeit von 100 000 Kilometern pro Sekunde fortbewegt, die Geschwindigkeit des Lichtstrahls gemessen wird, beträgt sie 229 792,5 Kilometer pro Sekunde. Einstein leitete daraus ab, dass im Raumschiff die Uhren langsamer gehen als auf der Erde. Daher muss es richtig heißen: Die Lichtgeschwindigkeit im Raumschiff gemessen beträgt 229 792,5 Raumschiffkilometer pro Raumschiffsekunde, während sie auf Erden mit 229 792,5 Erdenkilometern pro Erdensekunde gemessen wird.
Inzwischen gelang es Wissenschaftlern, auch der Zeit eine angemessen komplizierte Struktur zu geben. Zur Zeit verfügen wir bereits über fünf verschiedene Zeitlichkeiten, und es werden gewiss noch mehr. Allein die aus der Relativitätstheorie ableitbare Notwendigkeit, prinzipiell von Erdenzeit (und analog von Erdenlängen, Erdengewichten) zu sprechen, bleibt seltsam unberücksichtigt. Offensichtlich sind wir Menschen zwar notgedrungen bereit, die Relativität zu akzeptieren. Nur die Relativität unserer Maßstäbe und damit vieler unserer Erkenntnisse wollen wir nicht wahrhaben.
Zeit, verkündet Herbert Hörz in der "Europäischen Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften", sei eine „Existenzform der Materie, weil es keine materiellen Vorgänge außerhalb der Zeit gibt... Alles, was besteht, ... hat eine Existenzdauer.“ Das klingt profund und ist doch Unsinn. Ein wenig vernünftiger wäre es, spräche Hörz von Zustandsdauer. Nehmen wir Marmor als Beispiel. Er entsteht durch Thermo-, Kontakt- oder Regionalmetamorphose aus Kalk, der sich wiederum aus Kalkschalen von Tieren oder aus dem Entzug von Kohlendioxyd durch Algen, Korallen, Bakterien etc. gebildet hat. Die Existenzdauer des Stoffes, der vielleicht ein Schneckengehäuse war und heute Marmor ist und selbstverständlich morgen etwas anderes sein wird, ist sehr lang und daher vage. Aber auch die Zustandsdauer ist nicht klar bestimmbar. Wann hörte der Kalk auf, Kalk zu sein und wurde Marmor? Lässt sich überhaupt ein Anfang und ein Ende dieses Umwandlungsprozesses definieren, oder spielt uns wiederum unsere Vorstellung von einem Anfang und einem Ende einen bösen Streich? Und schlimmer noch, ist der Zustand des Marmors, der doch wie jede Materie nur grobe Form in Bewegung ist, je mit sich identisch? Auch der Begriff „Zustand“ erweist sich als unbrauchbar, weil mein Marmorstein zwar noch so aussieht wie beim Kauf, doch im subatomaren Bereich ein deutlich verändertes Bild zeigt. Also müsste, um Hörzens Behauptung sinnvoll zu machen, die Bewegung eine Existenzdauer haben, die en gros der Ewigkeit entsprechen, en detail aber dem Wesen einer Bewegung widersprechen würde. Nur weil der Mensch nicht fließend, nur in Abschnitten denken kann, muss die Materie, bei der es sich vielleicht nur um Wellen handelt,  noch lange keine Existenzdauer haben. 
Wie nun bereits an zahlreichen Beispielen demonstriert, vermessen wir das Universum nach Vorstellungen, die durch unsere Endlichkeit geprägt sind. Dies macht es sehr wahrscheinlich, dass wir auch der Materie Eigenschaften zusprechen wie Länge, Gewicht, Dauer, die nicht in ihr, nur in uns, unserem Bewusstsein liegen. Dies mag ganz praktisch sein im Umgang mit der Materie, problematisch wird es erst, wenn wir als Teil dieser Materie unsere subjektiven Eigenschaft objektivieren.
Wir überschätzen gerne unser Bewusstsein. Seine Qualität ist sehr artenspezifisch und keinesfalls absolut. Seine eigenen Grenzen sind die unserer äußerst beschränkten Erfahrung. Da die organische Evolution – sehr zum Verdruss der Naturwissenschaftler: ziellos – zu immer größerer Komplexität neigt, sind durchaus andere Bewusstseinsformen der Materie denkbar – auch ohne den Mangel der Vergänglichkeit und daher ohne Zeit. Ein solches Bewusstsein wäre sich seiner Existenz bewusst als Teil der alles bewirkenden Bewegung. Nicht die Größe von Objekten, ihre Entfernung voneinander, sondern die Art der Bewegung würde diese Objekte und natürlich auch deren Bewusstsein bestimmen in ihrer jeweils spezifischen Form des Seins, das nur Zustände, keine Zeit kennt.

Selten nur entspricht, was wir zu sehen meinen, der Wirklichkeit, nie ist es die außerhalb von uns existierende Wirklichkeit. Jener Stein sei rot und dieser blau? Welch ästhetisch reizvoller Trugschluss. Unterschiedliche Wellenlängen des Lichts lassen uns die farblose Umwelt nur farbig scheinen. Wäre unser Hirn unwesentlich anders strukturiert, könnten wir die Farben = Lichtwellen genauso gut hören oder riechen, statt sie zu sehen. Denn unsere visuellen Wahrnehmungen sind nur Konstrukte, die unser Hirn durch die Interpretation neuronaler Erregungsmuster – z. B. hervorgerufen durch Lichtimpulse – erschafft. Wie Gerhard Roth in dem Buch „Das Gehirn und seine Wirklichkeit“ darlegt, bilden wir beim Sehen Objekte nicht ab, sondern konstruieren aus den uns erreichenden Informationen ein Abbild teils nach angeborenen, teils nach frühkindlich erworbenen, teils nach später erfahrenen, jedenfalls immer menschlichen Kriterien. "Wir sehen im Allgemeinen die Welt so, wie wir gelernt haben, wie sie sein soll." Und wie unser Sehen ist natürlich auch unser Riechen, Hören, Spüren ungewollt subjektiv. Wenn aber schon unsere sinnliche Wahrnehmung nur eine subjektive, in unserem Fall also menschliche Interpretation der Wirklichkeit ist, wie muss es dann um die Objektivität unseres Denkens, also der Verarbeitung konstruierter und interpretierter Wahrnehmungen bestellt sein?
Künftige Naturwissenschaftler werden lernen müssen, das noch Undenkbare zu denken, indem sie ihr Denken von ihnen selbst abstrahieren, sich von ihrer mentalen wie physischen Person lösen. Auf die Entsubjektivierung der Naturwissenschaft und ihrer Raster muss deren Enthumanisierung folgen.
Wenn ich jemanden oder etwas verstehen und nicht nur nutzen will, muss ich mich in ihn oder es hineinversetzen. Dies fällt den meisten von uns schon bei ihren Mitmenschen nicht leicht. Die Forderung, sich in die Materie hineinzuversetzen, scheint daher absurd, bedeutet aber im Grunde nur, eine Folge der Sexualität in unserem Denken zu überwinden. Der Spaß an ihr und meinetwegen auch das Kinderkriegen bleiben davon unbeeinflusst. Doch für die Wissenschaft ist sie sehr hinderlich.
In der Geschichte der Natur ist die geschlechtliche Fortpflanzung ein junges Phänomen. Ursprünglich hat sich organisches Leben durch ungeschlechtliche Zellteilung fortgesetzt, sich im simpelsten Wortsinn vermehrt. Im Normalfall teilte sich eine Zelle in zwei identische Zellen, ein hoffnungsloser, weil nur quantitativer, nicht qualitativer Vorgang. Noch wissen wir nicht, welche damals sehr seltene Mutation  zur geschlechtlichen Fortpflanzung, also der Verschmelzung von zwei Zellen, führte. Ihre Wirkung jedenfalls war phänomenal, garantierte sie doch, dass die neue Zelle anders war als jede der beiden Abstammungszellen. Dieser qualitative Sprung erst beschleunigte das Entstehen höherer Arten, weil mit ihm das Ausprobieren von Mutationen sehr viel häufiger und effektiver wurde. Er brachte freilich auch den Tod mit sich, denn im Unterschied zur geteilten Zellkopie ist die aus einer Verschmelzung entstandene Zelle ein Unikat, auch wenn sie sich nur in sehr wenigen genetischen Eigenschaften von den anderen Unikaten der selben Population unterscheidet. Für die meisten höheren Lebewesen stellt diese Besonderheit kein Problem dar. Sie sind, bis sie irgendwann nicht mehr sind, zumindest nicht mehr ein höheres Lebewesen. Denn nur die Organisationsform der Materie ändert sich mit ihrem Tod. Allein der Mensch, solange er sich mehr dünkt als Materie, stirbt endgültig. Dieses Erschrecken über seine vermeintliche Endlichkeit hat Religionen so attraktiv gemacht und Wissenschaft so sehr behindert.
Wahrscheinlich sind unsere Maße nur Einbildungen, Hilfskonstruktionen bestenfalls, wahrscheinlich gibt es keinen Raum, nur unsere Vorstellung von Raum, keine Zeit, nur unsere Imagination von Zeit. Wahrscheinlich gehören die von uns gedachten Teile, Räume, Dimensionen einer Welt an, die wir mit den Erfahrungen aus unserer Teilwelt gar nicht verstehen können. Eine Wissenschaft, die auf Analogieschlüssen aufbaut – und nichts anderes können wir, solange wir als Menschen denken- , ist bestenfalls intelligenter Spielkram.
Ein erster Schritt zur Überwindung dieser recht unnützen Sisyphusarbeit wäre, uns in der Grundlagenforschung von Maßen und Messungen zu erabschieden,
zumal, wie uns die Quanten lehren, Messungen manchmal nur die Auswirkungen des Messens messen. Zumindest die Eigenschaften von Quantenprozessen scheinen nicht unabhängig vom Messprozess zu sein: Indem wir etwas messen, hat es andere Eigenschaften, als es zum Zeitpunkt der Messung ungemessen hat. Verabschieden müssen wir uns auch von der auf menschlicher Logik beruhenden Mathematik, überhaupt von allen bisher benutzten formalen Hilfsmitteln, um ein Denken entwickeln zu können, das nicht mehr von unserer Endlichkeit manipuliert, auf die Welt der menschlichen Dimensionen, den Mesokosmos, beschränkt ist, sondern den Bedingungen der Materie, als was immer sich diese auch herausstellen mag, entspricht. Die Voraussetzungen dafür sind so schlecht nicht, steht doch das Denken ganz im Unterschied zu unseren Gedanken im Einklang mit der Materie, weil es aus der Materie entsteht und daher selbst Materie sein muss.


© 2002 Karl Pawek

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